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#SMWHAmburg // 28.02.20

Mehr Reichweite mit Podcasts?

Reichweite? 

Was sind Podcasts, was bedeutet Reichweite und wo stehen wir Anfang 2020 in Deutschland?

Aber von vorn: 06:42 Uhr – das war ein Kick-Start in den Tag. Gleich nach der Morgenmeditation ein Blick aufs Handy, das sollte ich ja eigentlich nicht tun, und da fand ich die Nachricht von der Social Media Week Hamburg Organisation: „Lieber Jan, […]. Bei uns fällt morgen ein Workshop aus, das wurde uns gerade mitgeteilt. Jetzt suchen wir Ersatz. Es geht um ,Mehr Reichweite mit Podcasts’. Könntest du vielleicht ganz spontan aushelfen?“ Die Nachricht war knapp vor Mitternacht abgeschickt.
 
Huiii, Adrenalin. Ganz fearless hab ich kurz entschlossen zugesagt. Es waren ja noch über vier Stunden Zeit. Zeitplanung ist nicht ganz meine Stärke: Anfahrt mit den Öffis min. 40 Min, Hunderunde 45 Min, Katzenwäsche und Frühstück – sooo viel Zeit bleibt dann doch nicht für die Vorbereitung. Aber genug lamentiert. Stretch your Comfort zone …
 
In zwei Sessions (Link) haben wir (mit acht und 14 Teilnehmer*innen) interaktiv und auch kontrovers diskutiert, was Podcasts ausmacht, wie Podcast bestenfalls gemacht werden und auch, wie Reichweite gewonnen werden kann.
 
Auch wenn ich immer noch etwas verärgert über das, in meinen Augen, Kapern der großen Medienhäuser vom Deutschen Podcast Preis bin, fand ich die Auseinandersetzung mit den Teilnehmer*innen superspannend und erhellend. Denn natürlich haben nicht nur die Streamingdienste und damit das einfacherer Handling von Podcasts, sondern auch die massentauglichen Formate wie „Fest & Flauschig“, „Serial“ aus den USA oder die Podcasts aus dem Zeit-Verlag zur großen Popularität des Mediums beitragen. Als Fan von Underdogs und leidenschaftlichen Nischenprodukten eine bittere Pille – ich gebe es zu.
 
Insgesamt müssen wir feststellen, dass Podcasts unglaublich unterschiedlich sind. Die Heterogenität der Workshop-Teilnehmer*innen war ein anschaulicher Beleg hierfür. Diese reichten von denen, die ihren Podcast, als Einzelunternehmer*innen oder für ein Unternehmen, noch planten, über die, die bereits einen (oder gar mehrere) realisiert haben, bis hin zu Vertreter*innen von Medienunternehmen (Öffentlicher Rundfunk und Verlag), die mit großer technischer Expertise, professioneller Ausstattung und zum Teil hohem personellen Aufwand Podcasts realisieren.
 
Spannend fand ich, dass auch die Erwartungen an Podcasts recht unterschiedlich waren: Vom Berieseln am Feierabend, statt Radio über die Anlage im Wohnzimmer, über serielle Erzählformate (Serial, S-Town oder Enke – Leben und Tragik eines Torhüters, etc.) bis hin zu den nischigen Erzähl- und Info-Formaten, die die meisten kennen. Auch was das qualitative Hörempfinden angeht, gingen die Meinungen auseinander: Während die einen sich von Äähs und Verhaspeln und Erzählpausen gestört fühlten, sehen andere dieses als Beleg für die Authentizität und die Abgrenzung zum Radio. Spannend auch die Einschätzung einer Teilnehmerin, dass die geschliffene Sprache von Moderatoren eher kontraproduktiv für Podcasts sei. Einig waren sich hingegen alle, dass die Audio-Qualität (Lautstärke, Rauschen, Hall, etc.) gewisse Qualitätsstandards erfüllen müsse. Nähern sich die Zeiten des Einfach-mal-Losquatschen dem Ende?
 
Allen gemein ist die technische Definition, dass Audio-Formate online zur Verfügung gestellt werden und dann im Streaming für die Nutzer*innen abrufbar sind. Somit hatten wir zumindest eine allgemeingültige technische Definition.
 
Auch kamen wir überein, dass es sich lohnt sich strategisch zu überlegen, wer die Hörer*innen sind, was deren Interesse ist und welchen Nutzen der Podcast für diese stiften sollte. Formate, die hier ihre Hausaufgaben nicht machen, werden kaum eine Chance haben langfristig zu überleben, geschweige denn Reichweite zu erlangen.
 
Womit wir, für mich beim schwierigsten Thema angelangt waren: Reichweite. Da ich selbst aus der Ecke „Nischen-Audio“ komme und auch vorwiegend diese konsumiere (beste Beispiele sind vielleicht How I built this, Your Brain at work, Without Fail, Firmenfunk, How to Hack oder Death, Sex & Money) war Podcast für mich immer nur eingeschränkt massenkompatibel. Und somit nur sehr bedingt für quantitative Reichweite geeignet, sondern eher für eine spezifische Tiefe in einer engere umrissenen Zielgruppe. Mit dem Einstieg großer Medienunternehmen und Vermarkter ins Podcastgeschäft wird sich dies wohl ändern. Was das insgesamt für Podcasts bedeutet bleibt abzuwarten. Denn anders als beim Bewegtbild, wo die Trennung über die Plattformen stattfindet, nutzen alle die gleichen Plattformen (Apple Podcast, Spotify, Dezzer, Stitcher & Co.
 
Interessant wir demnach auch , wie die Bewerbung – für die Reichweitenoptimierung von Podcasts – funktioniert. Bisher werden von den professionellen Amateuren und die Audio-/Radio-Profis Social Media und Kooperationen gleichermaßen genutzt. Wie sich dies in Zukunft entwickeln wird war niemandem völlig klar. Auch ist beim Thema Werbung im Podcast noch lange nicht das letzte Wort gesprochen. Ob Pre-Roll, Mid- oder End-Roll, als Werbe-Clip oder vom Host selbst gesprochen, alles ist möglich, alles kann, nichts muss.
 
Und das ist vielleicht auch das erfreuliche Fazit meines Freitags auf der #SMWHamburg 2020 zum Thema Podcast: Das Medium ist, obwohl mehr als 16 Jahre alt (Start war 2004 in den USA), noch super jung. Nach mehreren Startphasen scheint 2019 der Bann gebrochen, denn fast jeder dritte Deutsche hat sich im vergangenen Jahr einen Podcast angehört. Welche Formate sich durchsetzen werden, was letztlich Erfolgskriterien sind und wer wie damit Geld verdienen kann bleibt (glücklicher Weise) unbeantwortet. Sofern du eine gute Idee und eine stringente Strategie hast brauchst du lediglich auf die Qualität zu achten. Alles ist möglich und ich freue mich deinen und viele andere Podcasts zu entdecken.