Fearless Heart

Einer, der den verlorenen Patienten rettet, ist Dr. Umeswaran Arunagirinathan oder kurz Dr. Umes. Umes ist als Zwölfjähriger allein und völlig unbegleitet aus dem vom Bürgerkrieg zerrütteten Sri Lanka geflohen. Acht Monate über zig Länder in Asien, Afrika und Europa, bis er bei seinem Onkel in Hamburg- Mümmelmansberg ankam – nicht unbedingt einer von Hamburgs Vorzeigestadtteilen. Heute ist er Herzchirurg und Autor mehrerer Bücher (s.u.). Ganz aktuell „Der verlorene Patient – Wie uns das Geschäft mit der Gesundheit krank macht“, in dem er die Missstände des Gesundheitssystems analysiert. Ein recht furchtloses Buch für jemanden, der im Krankenhaus Karriere machen will. 

Im Podcast sprechen wir über seine Flucht und sein Aufwachsen in Deutschland, die Irrungen und Wirrungen, mit denen er hier zu kämpfen hatte und die Furchtlosigkeit mit der er Herausforderungen begegnet. Von Umes können wir einiges lernen.

Dr. Umeswaran Arunagirinathan

Dr. Umeswaran Arunagirinathan

Klinikum Links Der Weser

Herzchirurg, genauer funktionsoberarzt Herzchirurgie im Klinikum Links Der Weser in Bermen und Autor mehrerer Bücher. Aktuell der Spiegel Bestseller „Der verlorene Patient – Wie uns das Geschäft mit der Gesundheit krank macht“

Podcast-Interview

Fearless Heart

Dr. Umes, Funktionsoberarzt Herzchirurgie im Klinkum Links Der Weser, spricht mit mir im FearlessCulture Podcast über Selbstwert, Flucht, Hierarchien im Krankenhaus und Ziele

Wenn ich als Arzt meinen Mund aufmache, kann ich in Deutschland meine Karriere vergessen

 

Man hat festgestellt, dass die OP-Fehler extrem zurückgingen, sobald man die Ärzte im OP zwang, Checklisten zu führen. Natürlich haben sich die operierenden Ärzte – und gerade die, die in der Hierarchie höher standen – enorm gegen diese Einführung gewährt.

Das Thema „Hierarchie und Machtverhältnisse“ ist besonders in der Ärzterschaft – gerade im Krankenhaus – ein riesengroßes. Davon kann man in meinem Buch (Der verlorene Patient) auch lesen. Es geht dabei ja nicht um meine Erfahrung, sondern auch die von Kollegen. Leider müssen meine Quellen anonym bleiben. In der Medizin in Deutschland, so mein Gefühl, haben wir wenige mutige Leute, die laut sagen: „ey, das geht gar nicht“. Weil sie Angst haben, um ihre Karrieren oder um ihre Facharztsausbildung.

Bei uns ist genau dies nicht geregelt. Kein Chef einer Klinik in Deutschland muss jemanden zum Facharzt ausbilden. Die Ärztekammer kontrolliert das gar nicht. Ich hab elf Jahre gebraucht für den Facharzt Herzchirugie. Das ist pervers. Auf dem Papier steht sechs Jahre. Ich bin bestimmt nicht dumm und wirklich sehr sehr fleißig. Eine Freundin hat nach zehneinhalb Jahren und fünf verschiedenen Kliniken aufgegeben, weil sie nicht weitergekommen ist. Warum? Weil sie eine Frau ist. Als Frau kann sie doch die Station, die Ambulanz oder die Intensivstation machen – so die herrschende Meinung der männlichen Chefs.

Das sind unserer Machtverhältnisse. Wie soll ich dann, wenn ich noch nicht Facharzt bin, intern meinen Mund aufmachen oder gar rausgehen in die Öffentlichkeit, um Kritik zu üben? Dann kann ich in Deutschland meine Ausbildung vergessen.

Es gibt eigentlich kein Scheitern, sondern nur ein Platzschaffen für neue Ziele

 

Ich habe meine Ziele niemals aus den Augen verloren – und das empfehle ich jedem. Jedes Scheitern ist ein Neuanfang. Das ist doch logisch. Na klar verbinde ich mit meinen Zielen eine Vision und viele Ideen. Wenn es dann nicht klappt, dann bin ich auch traurig. Ich habe viel Energie, meine Erfahrung und vielleicht viele Zukunftsbilder in das Ziel hinein interpretiert. All das wird man nun nicht erleben. Der Verlust kann einem auch viel Energie rauben. Aber es ist auch gleichzeitig eine Befreiung für den Neuanfang.

Jedes Jahr an Silvester schreib ich mit einem guten Kumpel auf, was wir für Ziele für nächstes Jahr haben. Und dann tauschen wir unsere Ziele aus. Meist sind es fünf bis sieben Ziele. Was möchte ich in diesem Jahr erreichen. Und am Ende des Jahres stelle ich fest: „Oh, ich habe sieben Ziele definiert, aber nur drei erreicht. Also stellt sich die Frage: Sind die vier anderen Ziele immer noch meine Ziele, möchte ich sie immer noch erreichen? Hat es immer noch eine Bedeutung? Wie ist die Priorität? Warum habe ich die nicht erreicht? Schreibe ich für nächstes Jahr auf, oder lösche ich sie einfach? Denn so kann ich Platz schaffen für neue Ziele. Das Ziel, was ich vor einem Jahr definiert habe, hat sich als nicht so wichtig erwiesen, weil ich andere Ziele ja erreicht habe. Wäre es für mich wirklich wichtig, hätte ich’s erreicht. Und wäre es wirklich wichtig und ich hab’s noch nicht erreicht, dann verliere ich es doch gar nicht aus den Augen, sondern packe es für das nächstes Jahr weiter auf die Liste.

Ziele sind wichtig, sie zu priorisieren und zu überprüfen aber auch. Und sobald sie nicht mehr in die Liste passen, fallen sie raus und schaffen Platz für neue.

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